Das Phänomen Tinder – Liken, Matchen, Datenschutz?

Fachbeitrag

Tinder wird seinem englischen Namen mehr als gerecht: Die App bietet allerlei Zündstoff. Wird die Dating-App geöffnet, liegt für so manchen Liebeshungrigen ein vielversprechendes Knistern in der Luft. Doch Vorsicht, man könnte sich die Finger verbrennen – datenschutzrechtlich ist Tinder nämlich äußerst explosiv.

Liebe, Lust und Leidenschaft

Tinder dürfte wohl die bekannteste Flirt- und Dating-App der Welt sein. Das Prinzip ist schnell erklärt: Nach Anlegen eines Profils werden den Nutzern Profile anderer einsamer Herzen angezeigt. Sorgt das im Vordergrund stehende Foto des Gegenübers für ein angenehmes Prickeln, wird nach rechts gewischt, also ein Like vergeben. Wem dagegen eher ein Schauer über den Rücken läuft, wischt nach links. Sind beide Seiten voneinander angetan, kommt es zu einem Match – herzlichen Glückwunsch! Nun heißt es Manege frei, der Chat ist eröffnet!

Datenschutz, der Abturner?

Die traute Zweisamkeit währt allerdings nicht lange – der Datenschutz hat schon ein Auge auf Tinder geworfen. Wer denkt, im Krieg und in der Liebe sei alles erlaubt, der irrt: Die Anstandsdame namens DSGVO hat da auch noch ein Wörtchen mitzureden. Der Datenschutz ist jedoch alles andere als ein Stimmungskiller, vielmehr verschafft er die Klarsicht, die Vielen mit Aufsetzen der rosaroten Brille verloren geht.

Gar nicht Feuer und Flamme: Irlands Datenschutzkommission

Am 04. Februar 2020 zeigte Irlands Data Protection Commission (DPC), dass mit ihr doch nicht so gut Kirschen essen ist – zumindest aus Sicht Tinders. So gab die irische Datenschutzkommission bekannt, die Dating-App nun formell zu untersuchen:

„The Inquiry of the DPC will set out to establish whether the company has a legal basis for the ongoing processing of its users’ personal data and whether it meets its obligations as a data controller with regard to transparency and its compliance with data subject right’s requests.“

Wer hätte das gedacht? Angesichts des Schneckentempos, das die irische Datenschutzaufsichtsbehörde sonst an den Tag legt, war damit sicher nicht vor dem Sankt-Nimmerleins-Tag zu rechnen. Anscheinend war die Flut an Beschwerden über Tinder zu groß. Oder aber, die Behörde schreibt – in Sachen Liebe – Sicherheit ganz groß… Das würde auch erklären, weshalb die DPC dem Vorhaben Facebooks, in das Dating-Business einzusteigen, (vorerst) einen Riegel vorschob.

Liebe auf eigene Gefahr

Tinders Präambel zur Datenschutzerklärung beginnt nichtssagend:

„Ihre Privatsphäre steht bei der Konzipierung und Entwicklung der Dienste und Produkte, die Sie kennen und lieben, im Mittelpunkt, so dass [sic!] Sie ihnen Ihr vollstes Vertrauen schenken und sich auf die Etablierung bedeutungsvoller Verbindungen konzentrieren können.“

Aha. Nun gut, weiter im Text.

„Wir bemühen uns, bei der Verarbeitung Ihrer Daten transparent zu sein.“

Steht im Zeugnis, man habe sich bemüht, war das noch nie ein gutes Zeichen.

Laut Datenschutzerklärung erfasst Tinder eine große Anzahl von Daten, unter anderem:

  • E-Mail-Adresse,
  • Geschlecht,
  • Geburtsdatum,
  • Informationen zur Persönlichkeit, zum Lebensstil und zu den Interessen des Nutzers,
  • Fotos und Videos,
  • Daten zur Herkunft einer Person,
  • Sexuelle Orientierung,
  • Finanzdaten,
  • Chatinhalte,
  • Geräteinformationen,
  • Daten der Geolokalisierung
  • und Daten von Facebook, sofern man sich mit den Facebook-Anmeldedaten registriert.

Ganz schön viel, nicht wahr?

Tinder flirtet fremd – und verbreitet dabei Nutzerdaten

Die Dating-App ist seinen Nutzern gegenüber nicht besonders treu. Laut dem norwegischen Verbraucherrat Forbrukerrådet teilt Tinder Nutzerdaten mit mindestens 45 Unternehmen der Konzernmutter (Match Group). Was die Match Group dazu sagt? Folgendes:

„Privatsphäre gehört zum Kern unseres Geschäfts.“

Mit Drittanbietern arbeite man zwar zusammen, geteilt würden aber nur solche Informationen, deren Weitergabe für das Betreiben der Plattform notwendig wäre.

Wer alles Daten erhält, erläutert Tinder in seiner Datenschutzerklärung. Dazu zählen beispielsweise

  • andere Nutzer,
  • Tinders Diensteanbieter und Partner in den Bereichen Daten-Hosting, Datenpflege, Kundenbetreuung, Marketing, Werbung, Zahlungsabwicklung und Sicherheitsoperationen,
  • sowie andere Unternehmen der Match Group.

Die Angabe, um welche Diensteanbieter, Partner und Unternehmen es sich im Einzelnen handelt, wurde scheinbar vergessen.

Für die Norweger besteht dagegen kein Zweifel: Die Werbebranche ist out of control. Dieser Gedanke drängt sich zum Beispiel auch bei Grindr auf, einer Dating-App für homo- und bisexuelle Männer. Grindr nutzt MoPub, ein zu Twitter gehörendes Online-Werbeunternehmen. Dieses hat Zugriff auf den Namen des Nutzers und seinen Standort. MoPub könnte die Daten an 180 andere Werbepartner weitergeben, welche sie dann wieder an ihre Werbepartner verbreiten … Transparenz? Fehlanzeige! Über die durch Art. 9 Abs. 1 DSGVO besonders geschützte sexuelle Orientierung weiß damit die halbe Werbeindustrie Bescheid. Freilich hat der Grindr-Nutzer von all dem in der Regel keine Ahnung.

Tinder betont dagegen, keine Daten an Dritte zu verkaufen und nicht auf Werbung angewiesen zu sein. Im Jahr 2018 seien weniger als 5 Prozent aller Einnahmen durch Werbung generiert worden. Dass die Daten den Nutzern gehören, stellt Tinder ebenfalls klar. Und was ist mit der Weitergabe an zahlreiche Unternehmen der Match Group? Naja, kann ja mal passieren…

Für Liebhaber des Nervenkitzels

Dass sich in Tinder nicht nur herzensgute Menschen tummeln, das steht wohl außer Frage. Und dennoch: Viele verschwenden keinerlei Gedanken daran, welchen Risiken sie sich aussetzen.

Vor Fake-Profilen ist auch Tinder nicht gefeit. So kann es vorkommen, dass der auf dem Foto so sympathisch wirkende Chatpartner gar nicht der ist, für den man ihn hält. Bilder, Angaben zur Person – all das findet sich problemlos im World Wide Web, z.B. auf Facebook oder Instagram. Ob mit den eigenen Fotos Schindluder getrieben wird, ist kaum nachzuvollziehen. Stellen Sie sich vor, Freunde stießen auf Ihre Fotos in Tinder – Sie wären aber glücklich verheiratet. Die App plant nun Abhilfe mittels eines Verifizierungsverfahrens. Wie? Durch künstliche Intelligenz!

Wer ein Tinder-Techtelmechtel außerhalb der festen Beziehung plant oder seine feurigen Chats aus anderen Gründen lieber für sich behalten möchte, dem sei gesagt: Hacker halten nicht viel von Geheimnistuerei. Zu einigem Herzschmerz dürfte beispielsweise die Veröffentlichung der Daten von 32 Millionen Nutzern des Seitensprungportals Ashley Madison im Jahr 2015 geführt haben – nicht ausgeschlossen, dass Tinder-Nutzern ein ähnliches Schicksal drohen könnte.

Der häufig sexuelle Inhalt Tinders ist zudem noch aus ganz anderen Gründen brisant: Auf Tinder sind auch Kinder! Die Dating-App darf laut den Nutzungsbedingungen zwar erst ab Volljährigkeit genutzt werden, doch Not macht wohl erfinderisch – Minderjährige geben einfach ein falsches Alter an. Um Profile von Kindern und Jugendlichen zu finden, verwendet Tinder eine Software, die Profile auf verdächtige Bilder scannt. Angesichts von Beauty-Produkten und Instagram-Filtern stellt sich die Frage, wie effektiv eine solche Maßnahme wirklich ist. Dass Minderjährige durch Dating-Apps gefährdet sind, liegt auf der Hand, aber auch der Kinderdatenschutz wird beeinträchtigt.

Verliebt, verlobt… verführt?

Der Valentinstag mag den einen oder anderen Single dazu verleiten, das Abenteuer Tinder zu wagen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Doch wer sich Hals über Kopf hineinstürzen möchte, dem sei ans Herz gelegt, ein paar Ratschläge zum Umgang mit Dating-Apps zu beachten. Auch wenn Liebe blind macht, ist zu bedenken: Die App verführt nicht ganz uneigennützig – Tinder verzehrt sich nach Daten!

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Externer Datenschutzbeauftragter

2 Kommentare zu diesem Beitrag

  1. Wieso denn [sic!] im Zitat? Ist doch korrekt…
    „Ihre Privatsphäre steht bei der Konzipierung und Entwicklung der Dienste und Produkte, die Sie kennen und lieben, im Mittelpunkt, so dass [sic!] Sie ihnen Ihr vollstes Vertrauen schenken und sich auf die Etablierung bedeutungsvoller Verbindungen konzentrieren können.“

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