Leseempfehlung: Das Privacy Project der New York Times

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Heute möchten wir auf einen anderen „Datenschutz Blog“ aufmerksam machen. Die New York Times hat das Privacy Project ins Leben gerufen, eine Sammlung von Kommentaren, die alle Themen rund um den Datenschutz behandeln. Für jeden Datenschutzinteressierten eine wahre Schatzkammer.

Datenschutz, Datenschutz und nochmal Datenschutz

Jeder, der sich mit Datenschutz etwas beschäftigt, wird an einem Punkt feststellen, dass vieles auch über juristische Auslegungsfragen hinaus auf diesem Gebiet noch hoch umstritten ist. Zudem kennen wahrscheinlich alle das Gefühl einer gewissen Ohnmacht angesichts der Undurchsichtigkeit der digitalen Welt – überall erscheinen Pop-up Fenster und fragen nach unserer Einwilligung oder überschütten uns mit Informationen. Ein Umstand, der bei vielen dazu führt, dass sie sich lieber gar nicht mit Datenschutz beschäftigen, obwohl sie Datenschutz eigentlich wichtig finden.

Vor diesem Hintergrund, einerseits der allgemeinen Überforderungen bei dem Thema Datenschutz und andererseits dem durch zahlreiche Skandale geschärften Bewusstsein für die Wichtigkeit des Themas, hat die New York Times das Privacy Project ins Leben gerufen. In dieser Serie von Artikeln beschäftigen sich die Kolumnisten mit den weitreichenden Konsequenzen der neuen technologischen Möglichkeiten der Überwachung und der Frage, ob wir als Gesellschaft einen guten Deal eingehen unsere Daten gegen kostenlose Dienste einzutauschen. Es werden dabei Themen behandelt wie „wer weiß was über mich?“ und ob das Konzept der Privatsphäre im 21. Jahrhundert zukunftsfähig ist, aber es werden auch praktische Tipps gegeben, z.B. wie man sich gegen Überwachung durch Online-Tracking schützt.

Das Privacy Project ist also (ebenso wie dieser Blog) eine regelrechte Fundgrube für jeden, der sich für Datenschutz interessiert. Wir wollen Ihnen hier drei besonders lesenswerte Beiträge vorstellen:

Wie der Kapitalismus die Privatsphäre verraten hat

In diesem Artikel geht Tim Wu, bekannt für die Prägung des Begriffs der Netzneutralität, auf das Verhältnis von Kapitalismus und Privatsphäre ein. Er macht auf die entscheidende wirtschaftliche Entwicklung aufmerksam, die das Konzept der Privatsphäre zunehmend in Frage stellt: Das Aufkommen der Digitalwirtschaft.

Während in der Vergangenheit wirtschaftlicher Fortschritt den Einzelnen mehr und mehr Privatsphäre beschert habe, indem sich Menschen durch mehr Wohlstand überhaupt erst eine Privatsphäre erlauben konnten, (denn was ist Privatsphäre ohne eigene private Räume?) sei heute die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle zunehmend auf die Verarbeitung der Daten von Nutzern angewiesen.

Privatsphäre sei daher von einer gewissen Wirtschaftsform abhängig. Als unbeständiger Zustand werde sie durch die Kräfte der Wirtschaft nicht mehr gefördert, sondern zunehmend untergraben. Es drohe daher der Rückfall in eine neue Form der Leibeigenschaft durch eine allumfassende Überwachung und der gleichzeitigen Abhängigkeit von digitalen Diensten.

Dabei sei Privatsphäre die Freiheit zu handeln, ohne beobachtet zu werden, und damit in gewissem Sinne das zu sein, was wir wirklich sind – nicht das, was wir andere denken lassen wollen, das wir sind.

Facebook unter Eid: Man hat kein Recht auf Privatsphäre

In diesem Beitrag werden die Aussagen eines Anwalts von Facebook vor einem Gericht in Kalifornien beschrieben. Vor dem Hintergrund des Cambridge Analytica Skandals ging es darum, ob Facebook das Recht habe, private Daten an hunderte Unternehmen zu verkaufen, obwohl der Nutzer die Daten nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich gemacht hat. Es ging also im Grunde um die Frage, ob man bei Nutzung von Facebook jegliches Recht auf Privatsphäre verliert. Das Gericht stellte vor dem Hintergrund die Frage, ob ein Benutzer durch das Posten von Fotos, etc. auch an eine kleine Gruppe von Freunden in sozialen Netzwerken alle Erwartungen an die Privatsphäre verliert.

Ja, argumentierte der Anwalt von Facebook:

„Es gibt kein Interesse an der Privatsphäre, denn der Austausch mit hundert Freunden auf einer Social-Media-Plattform sei ein aktiver sozialer Akt um Informationen zu veröffentlichen und offensichtlich private Informationen mit hundert Personen zu teilen, […] dadurch negiere man jede vernünftige Erwartung an die Privatsphäre.“

Das gesamte Transkript der Gerichtsverhandlung ist auch sehr lesenswert.

Datenschutz ist dir wichtiger als du denkst

In diesem Artikel geht es um das Paradoxon der Privatsphäre. Viele Menschen finden Datenschutz wichtig, handeln aber nicht entsprechend, da sie letztendlich dennoch Entscheidungen treffen, durch die sie ihre Daten preisgeben.

Es wird ein Experiment von einem Forscher in Harvard vorgestellt, der versucht hat, diese Widersprüchlichkeit in dem Verhalten vieler Menschen zu erklären. Er fand in seinem Experiment heraus, dass Leute auf ihre Privatsphäre achten und dafür auch bereit sind, auf Geld zu verzichten. Sobald sie aber auch nur den geringsten Aufwand zum Schutz ihrer Daten betreiben müssen, handeln sie nicht mehr in ihrem eigenen Interesse.

In einer ersten Versuchsreihe sollten Teilnehmer Online-Umfragen gegen Bezahlung ausfüllen und mussten sich entscheiden, ob sie ihre Facebook-Profildaten gegen einen Bonus (in einigen Fällen 50 Cent) weitergeben wollten. In diesem direkten Tausch-Szenario weigerten sich 64 Prozent der Teilnehmer ihre Daten weiterzugeben. Die Mehrheit war auch für 2,50 Dollar nicht bereit, ihre Facebook-Daten zu teilen.

Als die Teilnehmer aber mit einem „verschleierten Austausch konfrontiert wurden, bei dem die Teilnehmer erst per Mausklick in Erfahrung bringen mussten, ob die Teilnahme an der Umfrage ohne Verbindung zu Facebook auch kostenlos ist oder wieviel es sie kostet, weigerten sich nur 40 Prozent ihre Daten weiterzugeben. 58 Prozent der Teilnehmer haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, auf die Schaltfläche zu klicken, um zu erfahren, ob und wieviel sie zahlen müssen, damit ihre Facebook-Daten nicht weitergegeben werden, obwohl es sie nicht mehr als eine Sekunde ihrer Zeit gekostet hätte.

Ein Erklärungsansatz ist, dass selbst Menschen, die bereit sind für Datenschutz zu zahlen, eine starke Abneigung haben, überhaupt erst an den Datenschutz zu denken. Dies führt dazu, dass Menschen, obwohl sie sich um ihre Privatsphäre sorgen, in der Lage sind ihren Verstand bei Datenschutzverlusten auszuschalten, solange diese nicht direkt ins Auge springen. Daher müsse bei der Entwicklung von Produkten die Präferenzen der Benutzer berücksichtigt werden, da anscheinend alles, was sich darauf stützt, dass die Menschen etwas selbst aktiv tun, um ihre Daten zu schützen, zum Scheitern verurteilt ist.

Kluge Gedanken von jenseits des Atlantiks

Das Privacy Project ist ein ermutigendes Beispiel, dass auch in den USA, die sich bisher nicht als besonders datenschutzfreundliches Land hervorgetan haben, kluge Köpfe sich mit dem Datenschutz auseinandersetzten. Als europäischer Leser besonders erfrischend ist es, sich dem Thema einmal frei von jedem (grund-) rechtlichen Vorverständnis zu nähern, ganz abseits der DSGVO, die zurzeit diesseits des Atlantiks die Diskussionen beherrscht. Belohnt wird man mit einem Aufriss einer Vielzahl von interessanten, gesellschaftlichen Problemen, die an der Schnittstelle zwischen neuen technologischen Möglichkeiten und dem Recht auf Privatsphäre entstehen und auf die auch das europäische Recht z.T. noch keine Antwort gefunden hat.

Neben den hier vorgestellten Artikel finden sich auf der Seite des Privacy Projects noch weitere interessante Beiträge und u.a. auch eine Liste mit Links auf interessante Veröffentlichungen zum Datenschutz.

intersoft consulting services AG

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Ein Kommentar zu diesem Beitrag

  1. Lustig ist, dass man diesen Artikel nicht mit aktiven Script- und Werbeblockern lesen kann. Man Erhält folgende Nachricht:
    „Log in or create a free new york times account to continue reading in private mode“

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