WeChat Goes West – Chinas Überwachungs-App kommt

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Der Messenger-Dienst WeChat ist eines der mächtigsten Institutionen in China. Einst als Chatdienst gestartet, vermag er heute das digitale Leben jedes Einzelnen zu regeln. Praktisch und gefährlich zu gleich. Nun möchte er die Welt erobern.

WeChat die Allzweckwaffe

Der Dienst ist längst mehr als die reine Kommunikationsplattform, die er einst war. Ursprünglich wurde WeChat als App für Smartphones entwickelt, um vergleichbar wie WhatsApp mit anderen in Verbindung zu treten. Auf diese reine Kommunikationsfunktionen wie Nachrichten schreiben und (Video-)Telefonie lässt sich WeChat aber schon länger nicht mehr reduzieren. Ca. 580.000 von Drittanbietern entwickelte „Mini-Programme“ stehen zur Erweiterung der Grundfunktionen bereit. Mittlerweile kann mittels WeChat der gesamte Alltag geregelt werden: Im Restaurant oder Supermarkt bezahlen, Tickets oder Arzttermine buchen und sich offiziell ausweisen. Alles kein Problem. Der Personalausweis kann zu Hause gelassen werden.

Ein WeChat-Guide beschreibt es so:

„Siyu chattet vor der Schule mit ihren Freunden. Am Abend wollen sie zusammen ins Kino gehen. Die 16-Jährige bestellt Karten und bezahlt direkt. Ihre Mutter tauscht sich währenddessen mit Arbeitskollegen über das Meeting am Nachmittag aus. Außerdem vereinbart sie für Siyus Vater einen Arzttermin. Der wiederum schaut sich nach neuen Hemden für die Arbeit um, begleicht die Stromrechnung und kauft Theaterkarten – er möchte Siyus Mutter überraschen.

Das alles geschieht, während die Familie am Frühstückstisch sitzt. Die drei haben nur ihre Smartphones in den Händen. Darauf geöffnet ist eine einzige App: WeChat, oder Wēixìn, wie der Allround-Messenger auf Chinesisch heißt. Andere Anwendungen brauchen sie nicht. WeChat begleitet sie an jedem Punkt ihres Lebens.“

Klingt doch super…

Machen wir uns nichts vor. Die Beschreibung klingt herrlich simpel und praktisch. Eine App für alles. Übersichtlich und obendrein auch noch kostenlos. Es muss sich keine IBAN mehr gemerkt oder ein mit Karten und Bargeld gefülltes Portemonnaie herumgeschleppt werden. Einzig ein Smartphone mit einer App ist vonnöten. Und ohne letzteres verlässt ohnehin fast niemand mehr das Haus. Kein Wunder also, dass die App von knapp einer Milliarde Menschen genutzt wird, hauptsächlich in China.

…wenn da nicht die Daten wären

Bei allen Aktionen mit WeChat fallen unweigerlich jede Menge an Daten an. Das ist bei jedem Messenger so und WeChat bildet hier keine Ausnahme. Im Gegenteil, bei WeChat fallen aufgrund der vielen Zusatzfunktionen besonders viele Daten an. Aber die Frage, die sich stellt ist, was mit diesen Daten passiert und wie mit ihnen umgegangen wird. Und das dürfte selbst den hartgesottensten Datenschutzskeptiker im Falle WeChat nicht unberührt lassen.

Futter für das Social Credibility System

Die in China immer näher rückende Real-Dystopie aka Social Credibility System benötigt die Daten ihrer Bürger, um richtig funktionieren zu können. Solche wie sie beispielsweise in WeChat anfallen. All diese können dann in die staatliche Bewertung eines jeden Einzelnen mit einfließen. Dass dies so kommen wird, zeigen schon jetzt die Möglichkeiten der Behörden. Mit einer einfachen behördlichen Anfrage werden sämtliche verlangte Daten, die durch die WeChat App und ihre Zusatzprogramme angefallen sind, an die offizielle Stelle ausgehändigt. Welche Gespräche gut, welche Einkäufe schlecht waren, entscheidet der Staat. Damit aber nicht genug. Sofern Inhalte verschickt werden, die von offizieller Seite nicht gewünscht sind, werden diese nach dem Absenden zensiert. Ehrensache.

China ist doch weit weg!

Peking erreicht man von Deutschland aus in guten 9 Flugstunden. Über das Internet in weniger als einer Sekunde. Weit weg ist China schon lange nicht mehr. Hierzulande kann WeChat in seinen Grundfunktionen seit längerem genutzt werden. Mehr bietet die App bisher nicht. Diese Reduzierung außerhalb Chinas wird es laut einem sehr lesenswerten Artikel der FAZ wohl nicht mehr lange geben.

Der Konzern TenCent, welcher hinter WeChat steht, möchte die additionalen Nutzungsmöglichkeiten nach und nach weltweit verfügbar machen. Bei der Wahl für den Start in die westliche Welt fiel das Los auf Deutschland. Hierzulande soll getestet werden, wie WeChat mit all seinen Funktionen ankommt, ob und inwiefern die Nutzer hierzulande ihre Daten dem Konzern aus China anvertrauen.

Finger weg!

Wem seine Privatsphäre auch nur einen Pfifferling wert ist, sollte um die App und ihren nicht zu leugnenden praktischen Nutzen einen großen Bogen machen. Alles was hier jemals über die App an Daten generiert wird, kann nicht nur von TenCent selbst, sondern auch vom chinesischen Staat gelesen und ausgewertet werden. Schlimm genug, dass sich chinesische Bürger dieser App praktisch nicht mehr entziehen können. Wir hingegen sollten von unserer Wahlmöglichkeit unbedingt Gebrauch machen und WeChat schlicht ignorieren.

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