WhatsApp: Gründer verlässt Facebook wegen Datenschutzbedenken

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Die Frage, wie Facebook mit WhatsApp eigentlich Geld verdienen möchte, scheint weiterhin nicht geklärt zu sein. Nun verlässt mit Jan Koum der zweite der beiden Mitbegründer den Dienst, was die Frage aufwirft, in welche Richtung sich WhatsApp zukünftig entwickeln wird.

Datenschutzrechtlich Klassenletzter

Das Unternehmen WhatsApp Inc. wurde 2009 in Santa Clara (Kalifornien) von Jan Koum und Brian Acton gegründet. WhatsApp löste als internetbasierter kostenloser Instant Massaging Dienst faktisch die SMS und MMS ab.

Der Kauf von WhatsApp durch Facebook im Jahr 2014 für 19 Milliarden US-Dollar (damals etwa. 13,8 Milliarden Euro) wurde durch Datenschützer von Beginn an kritisch kommentiert.

  • Der Verkauf selbst wurde von einer „Datenschutz-Lüge“ überschattet: Im Vorfeld des Unternehmenskaufs gab Facebook gegenüber der EU-Kommission fälschlicherweise an, dass ein automatischer Datenabgleich zwischen den Nutzerdaten von WhatsApp und Facebook technisch nicht möglich sei. Nachdem 2017 publik wurde, dass diese Möglichkeit schon zum Zeitpunkt des Kaufs im Jahr 2014 bestand, verdonnerte die EU WhatsApp zu einer Strafzahlung von 110 Millionen Euro.
  • Die Stiftung Warentest bewertete im Jahr 2014 in einem Instant Messenger Test WhatsApp zusammen mit dem Facebook in der Datenschutz-Kategorie als „ausreichend“ – die schlechteste Bewertung im Test. Kritisiert wurden insbesondere die fehlende Ende-zu-Ende Verschlüsselung. Diese wurde zwar 2015 nachgereicht, jedoch wurde kritisiert, dass sie für iOS-Geräte nicht wirksam funktionierte und dem Nutzer nicht klar ist, ob die Verschlüsselung aktiviert ist. Im selben Jahr wurde publik, dass amerikanische Ermittlungsbehörden Nachrichten trotz Verschlüsselung mitlesen konnten.
  • In einer Datenschutzerklärung vom August 2016 räumte sich WhatsApp das Recht ein, regelmäßig Telefonnummern von Kontakten im Adressbuch des Nutzers an Facebook weiterzugeben. Diese Praktik erfolgte ohne informierte Einwilligung und damit ohne Rechtsgrundlage und wurde von dem Hamburgischen Datenschutzbeauftragten Johannes Caspar per Anordnung untersagt. Im März 2018 bestätigte das OVG Hamburg die Anordnung der Datenschützer. Eine endgültige Entscheidung in der Hauptsache steht noch aus.

Ungebrochene Beliebtheit

Der Beliebtheit des Dienstes tat all dies keinen Abbruch: Anfang April 2015 verzeichnete WhatsApp 800 Millionen aktive Nutzer. Mittlerweile wird die Zahl der Nutzer auf 1,5 Milliarden geschätzt. WhatsApp gilt damit als der am schnellste wachsende Internetdienst.

Dies dürfte auch sicherlich damit zu tun haben, dass WhatsApp von Beginn an kostenlos angeboten wurde. Eine eingeführte Jahresgebühr von etwa 89 Cent wurde nach dem Kauf durch Facebook wieder abgeschafft. Der Mitgründer Jan Koum verkündete im gleichen Atemzug, dass WhatsApp trotzdem werbefrei bleiben sollte.

Vor dem Hintergrund des milliardenschweren Kaufpreises stellte sich immer wieder die Frage, wie Facebook den hohen Kaufpreis wieder erwirtschaften möchte, wenn WhatsApp weiterhin kostenlos und ohne Werbung betrieben werden soll?

Eine Antwort auf diese Frage ist das ab Jahresanfang angebotene „WhatsApp Business“. Hierbei handelt es sich um Accounts, die für kleine Unternehmen gedacht sind und diesen helfen sollen, sich besser zu präsentieren und leichter mit Endkunden, die WhatsApp meistens bei sich führen, in Kontakt zu treten. Freilich ist auch dieser Dienst bisher kostenlos, was sich jedoch in der Zukunft ändern dürfte.

Die Werbegegner

Die Mitbegründer Koum und Acton wurden nicht müde zu betonen, dass sie Werbediensten auf WhatsApp kritisch gegenüberstanden. Dies zeigt sich daran, dass WhatsApp selbst bisher immer werbefrei war.

Der erste Tweet von Jan Koum auf Twitter lautete:

„Advertising has us chasing cars and clothes, working jobs we hate so we can buy shit we don’t need.“

Dies ist ein Zitat aus dem kapitalismuskritischen Buch „Fight Club“ von Chuck Palahniuk.

Sein Mitgründer Brian Acton schien dies ähnlich zu sehen: Gegenüber Forbes äußerte er sich dahingehend, dass Werbung deprimierend sei und niemandes Leben bereichere.

Im Zuge des Abgangs seines Mitstreiters bekräftigte Jan Koum einmal mehr, dass Werbung als das übliche Geschäftsmodell für Facebook-Dienste nicht zu WhatsApp passe. Diese Ansichten passen nur schwer zu Facebook, da dessen Haupteinnahmen weiterhin durch Werbeerlöse erzielt werden. Nun scheint es zum Bruch gekommen zu sein.

Darüber hinaus soll sich Jan Koum über den Umstand geärgert haben, dass Facebook zugunsten des Dienstes WhatsApp Business die Ende-zu-Ende Verschlüsselung schwächen will, um die Kommunikation verschiedener Unternehmensteile oder Mitarbeiter mit dem Endnutzer zu ermöglichen, wie die Washington Post berichtete.

Ausblick

Vor dem Hintergrund des Abgangs beider Gründer, bedarf es keiner allzu großen Fantasie, um sich auszumalen, wohin die Reise zukünftig geht: Nach einigen weiteren Eiertänzen um das Thema Werbung herum dürften die WhatsApp Nutzerdaten – ähnlich wie schon bei Facebook – für gezielte Werbung verwendet werden.

Dies wird wahrscheinlich jedoch erst nach der Anwendbarkeit der DSGVO der Fall sein. Ob und wie Facebook den Anforderungen an wirksame Werbenutzung von Nutzerdaten erfüllen wird, dürfte Gegenstand baldiger Diskussionen werden.

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Ein Kommentar zu diesem Beitrag

  1. Das Problem ist ja vielmehr, das es die zig Hundertmillionen Nutzer doch eh nicht interessiert, ob die Crypto löchrig wie ein Schweizer Käse ist. Am Ende geht es um Kosten/Nutzen. Die Praktiken, das gleich einmal das komplette Telefonbuch (nein, nicht einzelne Nummern + Name, sondern wirklich ALLES) in die Server von WA gepumpt werden, weiß man seit Jahren. Hindert das Unternehmen daran, WA im B2B Kontext zu nutzen? Nein. WA ist aufgrund seiner quasi marktbeherrschenden Stellung und seines unschlagbaren Preises von 0€ Monopolist im Bereich IM. IT ist für fast alle Unternehmen ein sinnloser Kostenfaktor, mit dem kein Geld erwirtschaftet werden kann. Warum also nicht nutzen? Stattdessen wird ja eher kritisiert, das bestimmte Cloud Dienste gar nicht gehen, sind diese doch in den USA beheimatet und schauen da doch die bösen Geheimdienste drauf.

    Long Story Short: in meinen Augen fehlt den meisten Menschen leider das Wissen bzw. die Sensibilität, wie man mit den eigenen Daten umgeht. Viele wollen diese Sensibilität vielleicht auch nicht. Die Vorladung von Herrn Zuckerberg beim US Kongress hat gezeigt, das solche Themen mal kurz hohe Wellen schlagen, aber dann auch soweit ausgeschlachtet sind, das sie am Ende dann doch keinen mehr interessieren.

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