WTF AM SONNTAG: Orwells 1984 ist Lieblingsbuch für Verbrecher

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Die WELT AM SONNTAG behauptet in tendenziöser Weise, Bedenken gegen Videoüberwachung seien absurd. Wir erklären, warum das Gefühl, unbeobachtet zu sein, auch in öffentlichen Räumen wichtig ist.

1984 als Lieblingsbuch für Verbrecher

Die WELT AM SONNTAG machte gestern mit folgendem Titel auf:
Titel der WELT AM SONNTAG kompakt

Die Hauptüberschrift mit stumpfer Provokation: Der Roman „1984“ von George Orwell, der Klassiker für düstere Überwachungsszenarien und im Schrank jedes belesenen Datenschützers, wird als

„Lieblingsbuch aller U-Bahn-Schubser, Vergewaltiger, Heroindealer, Terror-Planer, Grapscher, Taschendiebe, Goldmünzenräuber, Schläger und Hooligans“

bezeichnet. Der Subtitel legt die eigentliche Kernaussage des Artikels offen:

„Über den Ursprung der absurden deutschen Angst vor der Kameraüberwachung“

„Absurde deutsche Angst vor Kameraüberwachung“

Die These, Bedenken gegen Videoüberwachung würden auf einer unberechtigen Angst gründen, ist weder neu noch selten zu hören. Die Argumente für diese These sind immer die gleichen: Videoüberwachung richte sich nur gegen Verbrecher (U-Bahn-Schubser, … usw.) und allen anderen schade sie nicht, weil diese ja nichts zu verbergen hätten. Selbst wenn eine Videoüberwachung in vielen Fällen nichts zur Aufklärung einer Straftat beitragen kann, sei nichts gegen mehr Überwachungskameras einzuwenden, denn sie würden ja zumindest nicht schaden. Jedenfalls nicht den Richtigen, den rechtschaffenen, anständigen Bürgern.

Videoüberwachung beeinflusst das Verhalten

Wer die Aussagen des vorangegangenen Absatzes so unterschreiben würde, sollte sich über folgende Fragen Gedanken machen:

  • Würden Sie sich in einem Café oder Biergarten auf einem öffentlichen Platz, der bislang nicht videoüberwacht ist, genauso verhalten, wenn der Platz flächendeckend von Kameras gefilmt würde?
  • Den neuen Freund / die neue Freundin küssen?
  • In der Nase bohren?
  • Noch ein fünftes Bier bestellen?

Wohl kaum. Denn wer im Hinterkopf hat, dass er (vielleicht) beobachtet wird, verhält sich anders als in bewusst unbeobachteten Momenten. Oder wie es das Bundesverfassungsgericht in seinem grundlegenden Volkszählungsurteil schon 1983 formuliert hat (Rz. 172):

„Wer unsicher ist, ob abweichende Verhaltensweisen jederzeit notiert und als Information dauerhaft gespeichert, verwendet oder weitergegeben werden, wird versuchen, nicht durch solche Verhaltensweisen aufzufallen. Wer damit rechnet, daß etwa die Teilnahme an einer Versammlung oder einer Bürgerinitiative behördlich registriert wird und daß ihm dadurch Risiken entstehen können, wird möglicherweise auf eine Ausübung seiner entsprechenden Grundrechte (Art 8, 9 GG) verzichten. Dies würde nicht nur die individuellen Entfaltungschancen des Einzelnen beeinträchtigen, sondern auch das Gemeinwohl, weil Selbstbestimmung eine elementare Funktionsbedingung eines auf Handlungsfähigkeit und Mitwirkungsfähigkeit seiner Bürger begründeten freiheitlichen demokratischen Gemeinwesens ist.“

Videoüberwachung bedeutet Einschränkung von Freiheit

Damit soll nicht gesagt werden, dass jede Videoüberwachung per se schlecht oder rechtswidrig sei. Aber Videoüberwachung bedeutet immer eine Einschränkung von Freiheit, da die unbeobachteten Momente abnehmen, je mehr Kameras im Einsatz sind. Und das mit überschaubarem Sicherheitsgewinn.

Je stärker der öffentliche Raum von Kameras eingenommen wird, desto mehr muss jeder nach privaten Rückzugsräumen suchen. Ein uneingeschränkter, offener Umgang mit anderen kann nicht mehr ungeprüft in der Öffentlichkeit stattfinden. Oder wie es Chrisoph Kappes letztens zum Thema Gesichtserkennung treffend auf Twitter formuliert hat:

Ausbau der Videoüberwachung als politische Agenda

Indem die WELT AM SONNTAG kompakt Einwände gegen Videoüberwachung als „absurde Angst“ abkanzelt, ignoriert sie die erläuterten Einschränkungen der Freiheit jedes Einzelnen und die daraus folgenden Auswirkungen auf die Gesellschaft. Die (natürlich nicht explizite) Gleichstellung von Datenschützern mit U-Bahn-Schubsern dient dagegen nur der Schaffung von Aufmerksamkeit.

Wie so oft bei der Berichterstattung über Videoüberwachung bekommt man auch hier den Eindruck, als folge man einer politischen Agenda.

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  • Gesetzeskonformer Einsatz von Videoüberwachung in Unternehmen
  • Durchführung der gesetzlich vorgeschriebenen Vorabkontrolle
  • Anfragen der Aufsichtsbehörden, des Betriebsrats und von Mitarbeitern

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9 Kommentare zu diesem Beitrag

  1. Videoüberwachung wird keine massiven Straftaten wie Terroranschläge verhindern. Wer so etwas durchführen möchte, wird das durchführen. Nach meiner bescheidenen Meinung käme einem Attentäter die Videoüberwachung gerade recht, denn sie gewährleistet die bestmögliche, qualitative und für ihn kostenfreie Möglichkeit den Schrecken den er verbreiten möchte NOCH weiter zu verbreiten indem die Aufnahmen der Tat um die ganze Welt gesendet werden. Die Videoüberwachung hilft möglicherweise im Nachgang die Identität des Täters festzustellen, aber geholfen hat man den Opfern eines Anschlages damit nicht. Ich argumentiere mit dem Terrorszenario, weil damit immer die Videoüberwachung gerechtfertigt wird.

    Als jemand der sich nichts hat zuschulden kommen lassen, und auch nicht vorhat etwas Strafbares zu tun, möchte ich nicht permanent videoüberwacht werden. Auf keinen Fall ! Wenn ich nichts getan habe und auch nichts tun werde, dass eine Überwachung rechtfertigt, warum muss ich dann überwacht werden? Ich werde dadurch zum Verdächtigen klassifiziert… zu jemandem der möglicherweise ein Attentat oder ein Verbrechen durchführen könnte… in den Augen der Überwacher. Das ist absurd und ich fühle mich mit dieser Verdächtigung nicht mehr frei.

    Dass nun ausgerechnet George Orwells Buch 1984 denunziert wird ist ein taktischer Schachzug… Wer auf den Schutz seiner Persönlichkeitsrechte besteht und nicht überwacht werden will hat entweder etwas zu verbergen oder ist paranoid. Bedauerlich und ironisch, denn 1984 warnt genau davor, was man nun versucht durchzusetzen. Kein Wunder dass man das Buch in einem schlechten Licht dastehen lässt.

    Wirklich, ich bin erschüttert.

    Ich danke für diesen wichtigen und interessanten Artikel.

    Gruß, UserOne

  2. Der Springer Verlag wären die ersten, die ihre gesamten Publikationen auf Neusprech umstellen.
    „Innenministers Pressekonferenz doppel plus gut!“

  3. „Ihnen steht es ja frei, auszuwandern, …“
    War die Antwort der CDU-Bundestagsabgeordneten meines Wahlkreises auf meine Aussage, dass ein Deutschland voller Videoüberwachung kein Ort wäre, an dem ich leben wollen würde, …

    • Solch eine Antwort eines Politikers lässt tief blicken und erahnen wo die Reise hingehen soll. Ich sehe harte und schwierige Zeiten auf Datenschützer zukommen, aber letztendlich werden das datenschutztechnische Zeiten für alle Betroffenen werden, insofern die Vorhaben umgesetzt werden.

      Eigentlich ja schon frech… Wenn Sie Sich nicht überwachen lassen wollen, dann steht es Ihnen frei das Land verlassen zu können.

  4. Wer Datenschütze in eine Reihe mit Heroindealern, Terroristen und U-Bahnschubsern stellt und den Sci-Fi Klassiker 1984 von George Orwell als terrorförderndes Buch bezeichnet begeht in meinen Augen in mehreren Punkten üble Nachrede und Volksverhetzung. Die Welt am Sonntag Kompakt sollte für dieses Titelblatt zu Rechenschaft gezogen werden! Hetze sollte eigentlich geahndet werden, auch wenn sie von den klassichen Medien vertrieben wird. Das ist Stürmer Niveau und sowas hat einer demokrtisch legitimierten Bundesrepublik nichts zu suchen!

    • Demokratisch legitimierte Bundesrepublik? Von welcher reden sie? Was ist bei uns demokratisch? Nichts aber mal gar nichts! Wir werden im glauben gehalten, dass wir durch Wahlen etwas verändern können und im Hintergrund werden die Fäden gesponnen. Die Medien verdummen das Volk und bilden eine Meinung wie das größte aller Schmierblätter ja so schön seine geistigen Tiefflieger, welche sie kaufen, auffordert. Solche Artikel wie dieser erscheinen nicht zufällig. Alles ist gesteuert…

  5. Wenn „Nasebohren“, das „fünfte Bier“ oder öffentliches Küssen niemand mitbekommen soll, ist es offenbar auch etwas Anstößiges oder Unrechtes, was man in der Tat besser lassen sollte – auch wenn man ungestört allein ist. Sonst würde auch kein Gefühl falschem persönlichen Handeln aufkommen. Totale Informationsfreiheit fördert besseres Verhalten – allerdings hinsichtlich eines übergeordneten gesellschaftlich bestimmten Kodex. Wer sich dem nicht unterordnen will, hat aber ein grundsätzliches Problem mit unserer gesellschaftlichen Ethik und Ordnung.

    • Gesellschaftliche Ethik? Welche? Die des Westens? Die der Vereinigten Staaten von Amerika? Meinen sie damit die Waffenlieferungen an beide Parteien eines Bürgerkriegs. Oder gleich die ganzen Kriege weltweit, welche natürlich nur nach Ethik und Moral geführt werden…. Aufwachen!

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